In der Theorie sind Anleger rational. In der Praxis sind wir es nicht. Behavioral Finance untersucht die Fehler, die wir immer wieder machen, und hier sind drei, die ich bei mir selbst ertappt habe.

Bestätigungsfehler

Alle kennen das Gefühl. Du triffst eine Einschätzung, der Markt läuft in deine Richtung, und für einen Moment fühlt es sich an, als hättest du die ganze Finanzwelt verstanden. Dann beweist dir der Markt das Gegenteil.

Was nach diesem ersten Gewinn passiert, ist der Bestätigungsfehler: die Neigung, Informationen zu suchen, die unsere Meinung stützen, und alles abzutun, was ihr widerspricht. Sobald wir eine Meinung haben, liest sich jede positive Schlagzeile als Beweis und jede Warnung als Rauschen. Der Gewinn hat uns nicht klüger gemacht. Er hat uns selbstsicherer gemacht, und das ist nicht dasselbe.

Die unbequeme Wahrheit: Eine einzelne richtige Einschätzung sagt sehr wenig aus. Märkte sind voller Zufall, und ein gutes Ergebnis kann aus einem schlechten Prozess entstehen. Die Frage ist nicht «Lag ich richtig?», sondern «Lag ich aus den Gründen richtig, die ich dachte?»

FOMO und Verlustaversion

Zu sehen, wie eine Aktie im eigenen Portfolio abstürzt und ins Minus rutscht, macht etwas mit der menschlichen Psyche. Das ist keine Schwäche, das ist unsere Verdrahtung. Die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky fanden heraus, dass ein Verlust etwa doppelt so stark schmerzt, wie sich ein gleich hoher Gewinn gut anfühlt. Sie nannten das Verlustaversion.

Das zeigt sich auf zwei Arten. Erstens halten wir Verlustpositionen viel zu lange, weil ein Verkauf aus einem Buchverlust einen echten Verlust machen würde und wir uns den Fehler eingestehen müssten. Zweitens verkaufen wir Gewinner zu früh, nur um das gute Gefühl zu sichern. Die Forschung nennt dieses Muster den Dispositionseffekt.

Und dann kommt die schlimmste Version. Du nimmst den Verlust endlich hin, und ein paar Wochen später erholt sich die Aktie ohne dich. Das tut doppelt weh: einmal wegen des Verlusts, einmal wegen des verpassten Gewinns. Hier übernimmt FOMO, die Angst, etwas zu verpassen. Viele Anleger kaufen zu einem höheren Preis wieder ein, nicht weil sich die These geändert hat, sondern weil die Reue unerträglich wurde. Zwei emotionale Entscheidungen hintereinander, und der Markt musste für keine davon etwas Besonderes tun.

Die Lösung ist langweilig und sie funktioniert: Entscheide vor dem Kauf, was dich zum Verkauf bringen würde. Schreib den Grund für die Position auf und das Niveau, ab dem dieser Grund nicht mehr gilt. Dann entscheidet dein ruhigeres Ich und nicht die Version von dir, die auf eine rote Zahl starrt.

Anchoring

Nur weil eine Aktie 40% gefallen ist, ist sie noch lange nicht günstig. Anchoring ist unsere Gewohnheit, uns an einer Referenzzahl festzuhalten, meist dem letzten Hoch, und alles daran zu messen. Das alte Hoch fühlt sich plötzlich wie der «echte» Preis an, und alles darunter sieht nach Rabatt aus.

Doch der Markt erinnert sich nicht daran, wo eine Aktie früher stand. Vielleicht war das alte Hoch der Fehler. Ob eine Aktie günstig ist, hängt davon ab, was das Unternehmen verdient und künftig verdienen dürfte, nicht davon, was jemand letztes Jahr dafür bezahlt hat.

Auch die Mathematik arbeitet gegen dich. Eine Aktie, die von 100 auf 60 fällt, muss um 67% steigen, nur um wieder am Ausgangspunkt zu stehen. Und fällt sie von dort nochmals um 40%, steht sie bei 36. Wer bei 60 gekauft hat, weil sie «schon 40% tiefer» war, liegt nun selbst 40% im Minus.

Peloton zeigt, wie das abläuft. Nach dem Boom von 2020 erreichte der Aktienkurs Ende Dezember 2020 seinen Höchststand bei rund 152 Dollar. Bis April 2021 fiel er um 35%, und viele nannten die Aktie günstig. Drei Jahre später stand sie bei 3.11 Dollar, 98% unter dem Höchststand.

Liniendiagramm der monatlichen Schlusskurse von Peloton von 2019 bis 2026: Höchststand von 152 Dollar im Dezember 2020, 98 Dollar im April 2021 und Tiefststand von 3.11 Dollar im April 2024, 98% unter dem Höchststand.
Peloton (PTON), monatliche Schlusskurse. Quelle: digrin.com. Vergangene Wertentwicklungen lassen keine Rückschlüsse auf künftige Ergebnisse zu.

Eine bessere Frage als «Wie stark ist sie gefallen?» lautet: «Würde ich zu diesem Preis kaufen, wenn ich den Chart nie gesehen hätte?»

Die eigenen Neigungen kennen

Keiner dieser Denkfehler verschwindet, nur weil du ihn kennst. Das Wissen macht dich nicht immun, aber es bereitet dich vor. Die eigenen Schwächen und Neigungen zu erkennen, ist der erste Schritt zu finanzieller Verantwortung und echter Finanzkompetenz.

In der Praxis heisst das ein paar einfache Gewohnheiten:

  1. Schreib vor dem Kauf auf, warum du kaufst und was dich widerlegen würde.
  2. Leg deine Ausstiegsregeln fest, solange du ruhig bist, nicht wenn die Position im Minus liegt.
  3. Beurteile einen Preis nach dem Unternehmen dahinter, nicht nach dem alten Hoch.
  4. Frag dich nach einem Gewinn, ob du aus den richtigen Gründen richtig lagst.

Der Markt wird jede dieser Neigungen auf die Probe stellen. Das Ziel ist nicht, sie nie zu spüren. Das Ziel ist, sie zu bemerken, bevor sie für dich entscheiden.

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